Beikost · Entwicklung · Gedanken · Kindheit

Bekommt sie denn jetzt wenigstens schon Brei?

Diese Fragen, oder so ähnliche Fragen bekommen alle Eltern zu Genüge gestellt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie bei uns seit Klara drei Monate alt ist immer wieder auftauchte. Zu Beginn habe ich mich etwas unter Druck gesetzt gefühlt, als wenn wir dem armen Kind nichts vernünftiges zu essen geben wollen. Dabei möchten alle Eltern natürlich nur das beste für ihr Kind.

Aber gut, Beikost – wieder ein neuer Schritt im Elternleben. Diese Veränderungen sind aufregend, aber erst einmal auch ein bisschen beängstigend. Die große Frage: Wie funktioniert eigentlich eine Beikosteinführung?

Auch hier gibt es wieder Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden.

In Schweden werden zunächst „smakprov“ (Geschmacksproben) gegeben, das heißt man dippt seinen eigenen Finger in das eigene Essen und das Kind darf dann an dem Finger lutschen. Auf diesem Weg soll das Kind früh viele unterschiedliche Geschmäcker kennenlernen. Begründet wird dieses Vorgehen damit, dass es im Alter von vier bis sechs Monaten eine Art „Geschmacksentwicklungsfenster“ gibt und es insbesondere in dieser Zeit sei es sinnvoll Kinder an viele verschiedene Geschmäcker heranzuführen. Dieses Vorgehen wird übrigens auch in Kanada empfohlen. Diesen Teil empfanden wir logisch und haben es auch so gehandhabt.

Und dann? Viele Mütter in meiner Mamagruppe (vom Gesundheitsdienst organisierte Elterngruppe) möchte sehr gern nachts abstillen und das am liebsten ganz schnell. Eine in Schweden absolut gängige Methode ist, dem Kind am Abend eine Art Mehlsuppe, die sich „vällinge“ nennt, zu geben.  „Vällinge“ ist historisch gewachsen und so viel ich weiß gibt es in anderen Ländern nichts vergleichbares (zumindest in Deutschland, Norwegen, den USA und Kanada). Dem Kind wird Pre-Nahrung vermischt mit Mehl gegeben, damit es stärker gesättigt ist und dadurch (hoffentlich) besser durchschläft. Außerdem enthalten die gekauften Mehlsuppen häufig Zuckerzusätze. Ja, ich bin davon nicht überzeugt und wir verwenden es auch nicht. Generell steht für uns immer Klaras Gesundheit und ihr Wohlergehen im Vordergrund. Ich empfinde unsere Nächte und das Stillen in der Zeit nicht als belastend, also muss sie jetzt auch einfach noch nicht durchschlafen.

Aus Deutschland wurde mir dann von unterschiedlichen Breischemata berichtet. Mehrere Wochen dies und dann das. Irgendwie kam mir das sehr eingeschränkt und so fest vor. Ist es nicht ziemlich langweilig für das Kind, wenn es immer das gleich essen soll? Der Gedanke, dass eine Breimahlzeit eine Stillmahlzeit ersetzen soll passt auch nicht zu unserer Situation, da ich nach Bedarf stille und ehrlich gesagt gar nicht weiß wie häufig ich stille. Eine feste Mittagsmahlzeit, die man ersetzen könnte, gibt es also gar nicht.

Beikosteinführung durch BLW – Baby Led Weaning

Schon bevor Klara geboren wurde, habe ich mich über die Beikosteinführung durch  BLW – Baby Led Weaning informiert. Ich fand den Gedanken, der dahinter steckt, dass das Kind den Übergang vom Stillen zur festen Nahrung selbst bestimmt, sehr gut und nachvollziehbar. Ich habe mich sowohl im Internet auf verschiedenen Blogs (zum Beispiel hier und hier) darüber informiert. Außerdem habe ich ein Grundlagenbuch über die Methode geschenkt bekommen und mir auch ein Kochbuch mit Theorieteil gekauft. Das klingt vielleicht total übertrieben, aber durch die Unterschiede in der Beikosteinführung in Schweden und Deutschland war eine gewisse Verunsicherung bei uns vorprogrammiert und ich wollte dem gern entgegen wirken. Außerdem ist die Methode noch relativ unbekannt und ich wollte auf Fragen reagieren können, wenn die Familie und Freunde genauer nachhaken.

Aller Anfang ist schwer… oder so

Vor einigen Wochen war es dann also soweit. Klara wurde sechs Monate alt. Sie konnte schon relativ stabil sitzen, war interessiert an Essen, der Zungenstreckrefelex hatte sich zurückgebildet und Kaubereitschaft zeigte sie in der Hinsicht, dass sie auf Dingen herum kaute. Im Breifrei Kochbuch wurde außerdem aufgeführt, dass das Kind sich vom Bauch auf den Rücken drehen können soll. Dies war der einzige Punkt, den Klara nicht erfüllte. Da ich aber so einen Druck verspürte mit der Beikost anzufangen legten wir trotzdem los. Ich bereue es im Nachhinein sehr, dass ich nicht auf mein Gefühl vertraut habe und einfach noch ein bisschen gewartet habe. Aber die vielen Fragen haben mich sehr gestresst.

An einem Mittwochnachmittag an dem Klara ausgeschlafen und frisch gestillt war, bot ich ihr also Banane und Avokado an.  Mittlerweile weiß ich, dass Banane keine gute Idee für die Anfangszeit war. Das wusste ich eigentlich auch schon vorher, aber Banane fühlte sich so weich und sicher an… In einer Facebook Gruppe sah ich wie andere Eltern viel gefährlichere Sachen von Anfang an gaben und dachte mir, dass es für uns dann doch auch gut gehen muss.

Sie atmet nicht

Zunächst war alles ok. Klara schien verwundert, wenn sie etwas in die Hand nahm und führte das Essen nicht so selbstverständlich zum Mund wie sonst ihr Spielzeug, das erstaunte mich. Einiges landete dann aber doch im Mund und sie schien ganz verwundert darüber und spuckte einiges auch wieder aus. Plötzlich geschah es dann. Ein Stück Banane ungefähr so groß wie der Fingernagel meines kleinen Fingers kam nicht mehr heraus. Sie wurde plötzlich ganz still und guckte mich erstaunt an. Ganz offen und ehrlich gesagt war ich sofort sehr besorgt. Ich wusste, dass ich Ruhe bewahren muss, um Klara nicht nervös zu machen. Gleichzeitig sollte man schnell reagieren, wenn sich das Kind wirklich verschluckt hat. Im Nachhinein habe ich kein Zeitgefühl für die Situation. Eine gefühlte Ewigkeit ist nichts, einfach nichts passiert. Sie atmete nicht. Dann nahm ich Klara aus ihrem Hochstuhl und begann ihr auf dem Rücken zu klopfen. Einige Wochen vorher wurde ich durch eine Bekannte auf ein Video aufmerksam gemacht, das beschreibt wie man reagieren soll, wenn sich das Kind verschluckt bzw. beatmet werden muss. Gott sei dank wusste ich wie ich reagieren muss. Ich habe meine Kleine also auf den Rücken gedreht und geklopft. Am Anfang sehr zaghaft und unkoordiniert, dann stärker so wie im Video beschrieben, den Kopf in meiner Hand. Zunächst passierte nichts. Ich bekam nun wirklich Panik. Sie atmete nicht und ich konnte nur daran denken, dass sie jetzt in meinen Armen sterben könnte und ich schuld bin. Ich hatte es bildlich vor Augen. In der Panik ist mir nicht einmal die Notrufnummer eingefallen und ich musste meinen Freund anrufen, der einen Notruf gemacht hat. Zum ersten Mal konnte ich nicht Schwedisch sprechen, sondern habe nur gebrüllt, dass er einen Krankenwagen rufen soll. Das passiert mir sonst nie, selbst während der Geburt habe ich kein Problem damit gehabt Schwedisch zu sprechen.

Letztendlich habe ich wieder auf den Rücken geklopft UND die Druckmassage auf den Brustkorb ausgeführt und dann war es auf einmal als wenn ein Ventil gelöst wurde und sie plötzlich wieder atmen konnte (äußerst schwierig zu beschreiben) und sie hustete das Bananenstück hervor. Das ich ihr sehr zittrig aus dem Mund fischte. Ich konnte sie danach stundenlang nicht aus meinem Arm lassen. Mein Freund war unglaublich schnell zu uns nach Hause gefahren. Den Krankenwagen konnten wir zum Glück abstellen, aber ein mulmiges Gefühl blieb.

Vielseitige Reaktionen auf dieses Erlebnis

Danach haben wir uns über zwei Wochen überhaupt nicht getraut Klara irgendetwas anders als Muttermilch zu geben, das heißt ich habe sie weiterhin vollgestillt. Diese Situation war für meinen Freund und mich eine der schlimmsten die wir bisher erlebt haben. Unseren Eltern haben wir davon nicht berichtet einfach um uns vor deren Ängsten und vorwürflichen Kommentare zu schützen. Die Reaktionen von denen, denen wir davon erzählt haben, waren sehr unterschiedlich. Eine andere Mama aus einer Elterngruppe meinte zu mir, dass es ja nicht so ernst gewesen sein kann, wenn Klara gar nicht blau angelaufen ist. Zunächst wurde ich dadurch wieder verunsichert, habe ich die Situation vielleicht als zu krass wahrgenommen? Letztendlich schiebe ich diesen Gedanken nun allerdings bei Seite. Ich habe die Situation so wahrgenommen wie ich sie hier beschrieben habe. Viele Freundinnen, die Kinder im gleichen Alter haben, haben aber total lieb reagiert und unter anderem angeboten dabei zu sein, wenn wir Klara wieder Essen geben wollen. Auch mit einigen Freundinnen aus Deutschland habe ich über die Situation gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten noch nie davon gehört haben wie man reagieren soll, wenn ein Kind etwas verschluckt. Für mich ist dadurch klar geworden wie wichtig es ist über dieses Thema zu sprechen und deshalb habe ich auch diesen Beitrag hier geschrieben,  auch wenn ich mehrere Wochen gebraucht habe. Es war nämlich gar nicht so einfach sich mit dem Erlebten noch einmal auseinanderzusetzen. Denn es sind ganz gemischte Gefühle und Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gehen. Einerseits schäme ich mich tatsächlich ein bisschen, dass ich mich habe so leicht beeinflussen lassen und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich das Wissen habe, um in einer solchen Situation entsprechend reagieren zu können. Außerdem bin ich auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich es geschafft habe diese Situation zu meistern und auch einfach wahnsinnig dankbar, dass es unserer Klara so gut geht.

Falls ihr auch noch nicht wisst wie ihr reagieren sollte, falls sich ein Kind verschluckt, guckt euch unbedingt dieses Video an:

Und dieses Video zeigt wie man bei einem Säugling erste Hilfe leisten kann:

Um jetzt letztendlich trotzdem einen positiven Abschluss zu finden berichte ich euch noch schnell vom aktuellen Stand unserer Beikosteinführung. Klara bekommt seit zwei Wochen Brei. Am Anfang haben wir gekauften Brei verwendet. Ich vertraute mir selbst nicht mehr und als wir nach und nach mit jedem Bissen ruhiger wurden und dabei zusehen konnten wie sie Essen im Mund immer besser bewältigt, sind wir auf eigenen Brei umgestiegen. Wir richten uns nach keinem Rezept sondern nehmen die Zutaten für das, was wir essen und kochen einfach ohne Salz. Klaras Essen kommt dann in den Mixer und wir frieren portionsweise ein. Zu jeder Mahlzeit, die wir verzehren bieten wir auch ihr etwas an und sie darf selbst entscheiden, ob sie etwas möchte oder nicht. Ganz häufig nimmt sie selbst den Löffel in die Hand und füttert sich selbst – „lastade skedar“ – sagt man auf Schwedisch, was so viel heißt wie beladene Löffel. Ich mag den Ausdruck! Das Essen landet überall, aber das ist gar kein Problem. Sobald Klara Signale ausstrahlt, die zeigen, dass sie kein Interesse mehr hat, oder müde ist wird aufgehört. Sie wird kein „ein Löffel für…“ zu hören bekommen und auch der Teller muss nicht leer gegessen werden (den Schaden habe ich total abbekommen).

Momentan sind wir mit dieser Situation total zufrieden und erfreuen uns einfach nur an ihrer Essensfreude. Ganz, ganz bald sind wir auch soweit ihr wieder Stücke anbieten zu können, diesmal aber erst einmal keine Banane!

Natürlich ist der beschriebene Weg eine ganz persönliche Erfahrung. Wie ist das für euch? Ist das Thema Essen bzw. Beikosteinführung grad sehr aktuell für euch? Ich würde mich freuen, wenn ihr darüber berichtet.

Sonnige Grüße,

Claudia

 

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