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Lebensalltag in Schweden 3 – Ein Hoch auf das schwedische Elternzeitmodell

Seit 5 Monaten bin ich mit Klara Zuhause und so nach und nach haben mein Freund und ich uns immer besser in das Elternzeitsystem eingearbeitet. Ja, es ist tatsächlich wie eine kleine Wissenschaft, aber in diesem Fall ist das gar nicht negativ gemeint. Ich bin so unglaublich glücklich, dass ich diese Zeit hier genießen kann! Der große Vorteil des schwedischen Systems ist seine Flexibilität, gleichzeitig wird genau dadurch das ganze auch etwas kompliziert.

In Schweden stehen den Eltern insgesamt 480 Tage für die Betreuung ihres Kindes zur Verfügung.  390 Tage erhält man 80% seines Gehalts, die restlichen Tage werden mit einer Pauschale von 180 Sek berechnet.  Für den Vater oder zweiten Elternteil sind 10 Tage direkt nach der Geburt des Kindes reserviert. Außerdem sind ab diesem Jahr 90 Tage für einen Elternteil reserviert, zuvor waren es 60 Tage. Sie können also nicht „abgegeben“ werden. Je gleichberechtigter die Tage zwischen den Elternteilen verteilt werden, desto höher wird der Beitrag den die Eltern erhalten. Ein sogenannter Gleichberechtigungsbonus, der leider nicht sehr hoch ist, aber den Gedanken dahinter mag ich sehr. Dreißig Tage sind sogenannte Doppeltage, die die Eltern gleichzeitig nehmen können. Doppeltage können nur innerhalb des ersten Lebensjahres genommen werden. Alle Tage der Elternzeit müssen die Eltern spätestens bis zum achten Geburtstag des Kindes verwendet haben. Es ist also ganz normal, dass Eltern noch einige Tage aufheben, um sie gegebenenfalls später anzuwenden. Ein Beispiel für einen Grund sind die sogenannten Planungstage, die schwedische Schulen oder auch Kindergärten über das Jahr verteilt haben. An diesen Schließtagen müssen die Kinder dann also anderweitig betreut werden. Ein nicht ganz so triftiger Grund ist, dass Familien diese Tage dafür nutzen, um Urlaub zu machen. Das lohnt sich deshalb, weil Elternzeit vom Arbeitgeber nicht verweigert werden darf. Gesetzlich ist es vorgeschrieben, dass man drei Monate im Voraus angeben muss, ob und wie man Elternzeit nimmt. Der große Vorteil ist also, dass man sich nicht gleich bei der Geburt des Kindes auf ein Modell für die gesamte Elternzeit festlegen muss. Der Arbeitgeber, darf auch nicht verweigern, wenn sein Angestellter Teilzeit arbeiten möchte, aber keine Elternzeittage verwendet, sondern „nur“ weniger gearbeitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass man im ersten Jahr mit seinem Kind Zuhause sein kann, aber selbst entscheiden kann wie viele Elternzeittage man verwendet und damit wie viel Geld man monatlich ausgezahlt bekommt. Man kann also die Tage und damit das Geld auch für einen späteren Zeitpunkt sparen. Außerdem kann man auch halbe Tage nehmen und sogar Achteltage.

Ich glaube es wird deutlich, dass das System sehr komplex ist, aber auch sehr, sehr flexibel. Für uns ist das großartig! Ich wusste schon bevor die Elternzeit überhaupt begann, dass mir eine Gleichberechtigung in der Kindererziehung /-betreuung sehr wichtig ist. Ich habe mich schon lange darauf gefreut Mama zu werden, aber gleichzeitig habe ich mich nie in einer Mutter-Kind-Symbiose gesehen, die den Papa ausschließt. Aber Vorstellung sind das eine, die Realität ist dann doch manchmal ganz anders. Inspiriert haben uns Freunde, die bei der Betreuung von ihrer Tochter vom herkömmlichen Modell abgewichen sind und das System an ihre Bedürfnisse angepasst haben. Schon während der Schwangerschaft haben wir gedacht, dass können wir auch!

Beruhigt hat mich, dass das System so flexibel ist. Ich wusste wir können Sachen ausprobieren, aber wenn es nicht funktioniert, gibt es immer noch einen Weg zurück.
Seit Januar arbeite ich nun wieder 20%, das bedeutet an zwei Vormittagen in der Woche von 8 bis 12. Ich stille Klara immer noch voll und pumpe deshalb Milch ab, damit mein Freund sie in dieser Zeit versorgen kann. Ich fühle mich seit dem wir diese Aufteilung haben wesentlich wohler. Zuvor hatte ich das Gefühl, dass unsere Eltern-Kind-Beziehung nicht so gleichberechtigt ist wie wir es uns eigentlich gewünscht haben. Das hatte einerseits damit zu tun, dass mein Freund zuvor nicht viel Erfahrung mit kleinen Kindern hatte und deshalb sehr vorsichtig war und andererseits arbeitet er bei 100% bis 17 Uhr und dann bleibt einfach ganz wenig Zeit übrig. Während ich Klara immer besser kennenlernte, erlebte mein Freund nur die anstrengenderen Abendstunden (die Vormittage sind natürlich auch nicht immer einfach) und die Wochenende sind doch sowieso immer zu kurz, oder?

Jetzt ist es so, dass mein Freund mit Klara Spiele entdeckt auf die ich so einfach nicht gekommen wäre und er hat auch seine Angst vor dem Tragetuch überwunden. Außerdem kennt er Klaras Rythmus viel besser und seiner Meinung nach weiß Klara jetzt auch, dass er „auch zu etwas taugt“ seit dem er ihr an ihren gemeinsamen Vormittagen die Flasche gibt. Letztendlich bin ich jetzt auch am Wochenende viel entspannter, weil ich weiß, dass die beiden ihre Routinen miteinander haben und ich auch einfach etwas machen könnte, ohne dass sie dabei sind. Lustiger Weise habe ich seit dem überhaupt nicht mehr den Drang danach.

Einen kleinen negativen Aspekt gibt es trotzdem. Jeder, der schon einmal 80% gearbeitet weiß, dass man zwar grundsätzlich weniger Arbeitszeit hat, aber doch fast genau den gleichen Arbeitsumfang. Genau in dieser Situation steckt mein Freund grad. Allerdings ist er der Meinung, dass es das absolut wert ist, denn so klein ist Klara nur einmal und diese Zeit mit ihr ist tatsächlich unbezahlbar.

Vor ein paar Wochen haben wir unsere weitere Elternzeit geplant. Bis zu den Sommferien machen wir weiter wie bisher. Dann haben wir den Sommer über gemeinsam frei (Juni, Juli und Anfang August). Dann starte ich mit 60% ins nächste Schuljahr. Momentan schaue ich mir ein paar Kitas an, falls wir einen Platz in einer für uns geeigneten finden, wird Klara ab September halbtags in die Kita gehen. Allerdings auch nur dann, wenn es sich für uns gut anfühlt. Man kann den Kita beginn um mindestens drei Monate verschieben. Mein Freund arbeitet ab September 40% und falls Klara in die Kita gehen sollte auch ein wenig mehr. Wir sind gespannt wie es sich weiter entwickelt!

Eine kleine Anmerkung: Wir sind unglaublich dankbar, dass wir Arbeitgeber haben, die uns so gut in unserer individuellen Elternzeitplanung unterstützen. Meine Chefin gibt mir immer das Gefühl, dass ich ihr auch kurzfristige Änderung mitteilen kann und sie Verständnis für unsere Bedürfnis hat zum Ausgleich bin ich offen und ehrlich über unsere Pläne. Ich weiß, dass es in Deutschland vermutlich nicht denkbar ist als Lehrerin 20% zu arbeiten. Hier klappt das sehr gut und ich übernehme Aufgaben, die meinen Kollegen im Arbeitsalltag viel Kraft kosten zum Beispiel Vertretung und Differenzierung für leistungsschwache und -starke Schülerinnen und Schüler.

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