Alltag · Lehrerberuf · Schule · Schweden

Lebensalltag in Schweden 1 – Beschäftigungsverbot in der Schwangerschaft an Schulen?

Ich möchte auf diesem Blog nicht nur ein Traumbild vom Auswandern zeichnen, sondern tatsächlich die Realität darstellen. Diese hat mich in den letzten Tagen leider wieder ein bisschen zu schnell eingeholt. Aber von Anfang an.. Da ich mein Studium in Deutschland abgeschlossen habe(stimmt nicht ganz, aber dazu vielleicht später mal mehr), sind viele meiner Freunde nun also Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland. Ich bekomme als auch mit wie der Lehreralltag in Deutschland so aussieht und insbesondere wie sie sich durch das Referendariat gequält haben. Nun sind die ersten Freundinnen auch mit mir oder bereits vor mir schwanger geworden. In Deutschland scheint eine Schwangerschaft im Lehrer- oder Erzieherberuf momentan sofort oder zumindest irgendwann in der Schwangerschaft ein Beschäftigungsverbot nach sich zu ziehen (Bildung ist in Deutschland Ländersache, meine Informationen beziehen sich hier nur auf Berlin, Brandenburg und Bremen und sind natürlich auch nicht repräsentativ, ich habe mir keine Statistiken angeschaut). Das fand ich äußerst merkwürdig und auch fragwürdig. Warum muss man als Grundschullehrerin schon im dritten oder vierten Monat ein Arbeitsverbot bekommen? Ist das nicht wahnsinnig langweilig so lange Zeit Zuhause zu sitzen? Meine Sichtweise auf dieses Thema hat sich in den letzten Wochen und Monaten ein wenig gewandelt. Mein Arbeitsalltag war durch meine Schwangerschaft bis zum Ende des fünften Monats nur sehr gering beeinflusst. Alles lief eigentlich wie immer. Ich hatte genau die gleichen Verantwortungen und Aufgaben. Meine Chefin hat mir aber immer wieder das Gefühl gegeben, dass ich nicht so hohe Erwartungen an mich selbst stellen muss und mich lieber auf meine Schwangerschaft konzentrieren soll. Zum Beispiel als ich irgendwann mal plötzlich weinen musste und nicht mehr aufhören konnte. Die zwei Stunden, die ich deshalb nicht unterrichten konnte, wurden ohne Probleme vertreten und mir wurde das Gefühl vermittelt, dass das einfach passieren kann, wenn man so viele Hormone durch den Körper zu schwirren hat. In der letzten Woche gab es allerdings einen Vorfall der mich ziemlich erschreckt hat. Ich hatte eine meiner zwei Pausenaufsicht in der Woche, die immer sehr entspannt sind, weil wir eigentlich nur auf zwei Klassen aufpassen müssen. Alles ging gut, bis zum Ende der Pause und dann fingen zwei Kinder an sich zu prügeln (streiten ist leider ein zu sanftes Wort um die Situation zu beschreiben). In so einer Situation muss sehr schnell gehandelt werden. Meine Kollegin war in diesem Moment damit beschäftigt die Kinder in das Schulgebäude hereinzulassen und zu schauen, dass am Eingang kein zu starkes Gedränge aufkommt. Ich und ein weiterer Kollege waren viel näher an den streitenden Kindern und haben intuitiv gehandelt. Wir mussten jeweils ein Kind von hinten festhalten und selbst dann war es weiterhin nicht einfach die Kinder zu beruhigen. In diesem Augenblick wusste ich nicht, dass ich ein Kind hielt, das gegenüber von Erwachsenen bereits vorher aggressiv geworden ist. Mein Griff ermöglichte es mir auch, das Kind einigermaßen zu beruhigen. Es hatte wirklich keine Chance an mich heranzukommen. Die Situation ist also letztendlich sehr glimpflich ausgegangen. Niemandem ist etwas passiert. Nix passiert – Punkt, aus, Schluss? Nein, denn so eine Situation kann immer wieder passieren. Ich habe nun auch erfahren, dass wir ein weiteres Kind an unserer Schule haben, welches sich auch in der beschriebenen Situation auf dem Pausenhof befand, das eine schwangere Lehrerin in seiner alten Schule in den Bauch getreten hat. Unglaublich! Einerseits, dass solche Sachen überhaupt passieren, andererseits hat das Kind eine emotionale-soziale Störung und deshalb muss mit Gefahrensituationen gerechnet werden. Für mich ist es viel unglaublicher, dass ich weiterhin für diese Pausenaufsicht eingeteilt war, trotz meiner Schwangerschaft. Solche Sachen müssen durchdacht werden! Jetzt ist das Schuljahr schon fast vorbei und keiner hat mehr richtig Kraft und Zeit für irgendetwas. Aber trotzdem! Als ich dann darum gebeten habe keine weitere Pausenaufsicht mehr machen zu müssen (es war nur noch eine einzige übrig) stieß ich zunächst auf Unverständnis. Die Person, die für diese Planung verantwortlich ist, hat selbst keine Kinder und meinte zu mir, ich solle beim nächsten Mal einfach nicht eingreifen sondern jemanden anrufen. Absolut utopisch! Dieses Vorgehen ist nicht alltagstauglich, weil man nie weiß ob man jemanden erreichen wird und wie weit die jeweilige Person entfernt ist. Solche Aspekte sollten generell beachtet werden. Ich möchte nicht auf meinem Arbeitsplatz in eine vermeidbare Gefahrensituation geraten. Letztendlich haben sich meine Kollegen sehr für mich eingesetzt und ich brauchte keine weitere Aufsicht mehr zu machen. Das Schuljahr war nur noch zwei Wochen lang und ich dachte, dass ich diese ohne weitere Vorfälle überstehen würde. Tatsächlich dachte ich, dass es ab jetzt leichter werden würde. Aber nein… Am Montag sind wir mit unseren Schülerinnen und Schülern zur weiterführenden Schule gelaufen, damit sie bevor sie in die Ferien gehen ein Gefühl für den weiteren Schulverlauf bekommen. Von vornherein fand ich es komisch, dass ich für diesen Ausflug allein eingeteilt wurde. Wir sind immer zwei Lehrkräfte, die als Klassenleiter fungieren. In der Woche davor dachte ich, dass das alles kein Problem sein würde. Am Sonntag waren mein Freund und ich ein bisschen spazieren und ich habe wieder starke Schmerzen im unteren Rücken und Hüftbereich bekommen (auf schwedisch nennt man das foglossning – Beckengürtelschmerzen). Ich war schon am Abend ein bisschen unsicher über den nächsten Tag, dachte aber, dass ich bestimmt mit meiner Kollegin tauschen könnte. Wie sich herausstellte „konnte“ meine Kollegin nicht mit mir tauschen. Sie müsse noch etwas für den nächsten Tag vorbereiten war die Begründung. Dieser Ausflug war unglaublich anstrengend. Einerseits sind meine Schüler grad sehr pubertär und diskutieren alles in Grund und Boden und andererseits war das lange Laufen wirklich zu viel. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf dem Rückweg jeder Zeit hätte umkippen können. Als wir zum Mittagessen wieder zurückkamen war ich total am Ende. Ich habe es nicht einmal geschafft die Kinder zu zählen. Auf diesem Weg an dem wir an sehr befahrenen Straßen vorbei gekommen sind, hätte alles Mögliche passieren können, sowohl den Kindern als auch mir. Eine solche Situation darf nicht vorkommen. Schon von Anfang an hätte es Routinen geben müssen, die besagen, dass man eine Lehrerin, die im siebten Monat schwanger ist, nicht mehr allein mit 29 Kindern losschickt. Meine Kollegin, die sich aus dem Übernehmen des Ausflugs herausgeredet hat, hätte ebenfalls so nicht handeln dürfen. Ich war sehr verunsichert, weil schon bei der Pausenaufsichtsabgabe sehr zögerlich gehandelt wurde und habe deshalb nicht um mehr Hilfe gebeten. Insgesamt habe ich mit einer solchen Sache nicht gerechnet. Eigentlich habe ich immer das Gefühl unter sehr guten Arbeitsbedingungen zu arbeiten. Der Lehrerberuf ist jedoch ein körperlich und geistig anstrengender Beruf. Ein Berufsverbot gleich ab dem dritten Monat, wenn keine Indikatoren dafür vorliegen, ist vielleicht übertrieben. Aber man sollte tatsächlich schauen, wie man den Arbeitsalltag in einem solchen Beruf für eine Schwangere erleichtern kann. Zum Beispiel fand ich es auf einmal sehr anstrengend den gesamten Morgen ohne 10 Minuten Toilettenpause zu überstehen. Mein Stundenplan in diesem Jahr war da noch relativ angenehm. Aber insbesondere, wenn man den Raum wechseln muss und noch etwas kopieren oder sogar vorbereiten muss, wird es extrem knapp. Da geht nichts ohne gute Planung. Ein Beschäftigungsverbot wird in Schweden für den Lehrerberuf so gut wie nie ausgesprochen, generell scheint es relativ schwierig zu sein ein Beschäftigungsverbot zu bekommen. Ich bin jetzt sehr froh, dass nach der nächsten Woche die Sommerferien beginnen und ich ein bisschen von diesem Stresslevel herunterkommen kann. Zukünftig werde ich auf jeden Fall nicht mehr meine Augenbraue hochziehen, wenn ich höre, dass jemand in Deutschland ein Beschäftigungsverbot bekommt. Deutsche Schulen sind in ihrer Planung häufig noch wesentlich unflexibler und an zusätzlichem Personal mangelt es generell von daher ist es wesentlich besser, wenn die Lehrerinnen ihre Schwangerschaften Zuhause genießen können! Grundsätzlich bin ich weiterhin der Meinung, dass ein Beschäftigungsverbot im Lehrerberuf nicht unbedingt notwendig ist. Es ist allerdings unglaublich wichtig, dass jede Schule für eine solche Situation Routinen entwickelt, diese müssen auf die Umstände der jeweiligen Schule angepasst sein. Nur so ist es möglich einen Arbeitsalltag zu schaffen, der für Mutter und Kind ungefährlich und auch nicht gesundheitsschädlich ist.

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